Holländer im Abgeordentenhaus: ‘Frauen wollen überwältigt werden’

Am 15. März stimmte ein beträchtlicher Teil der Holländer für Thierry Baudet, das Äquivalent von Grab ‘m by the pussy. Baudet meint: ‘Frauen wollen überwältigt werden’, trotzdem gewann er im Wahlkampf 2 Plätze im Abgeordnetenhaus. – Ein schwarzer Tag für die Emanzipation.

Darum in diesem ‘Frauenmonat’ heute die Wiederveröffentlichung einer Kolumne die ich 2010 schrieb für Christel Nies. Sie leitet seit 1990 die Konzertreihe Komponistinnen und Ihr Werk in Kassel. Leider ist der Kampf um die Anerkennung von weiblichen Schöpfer immer noch aktuell. Vielleicht sogar aktueller denn je.

“Die von den Frauen”

Erfahrungen der niederländischen Musikjournalistin Thea Derks im Kampf für die Musik von Frauen. Erschienen in Christel Nies: ‘Entdeckt und aufgeführt’, 2010. 

Ich wuchs auf in einem Dorf in der Nähe von Venlo, wo es ein reges Musikleben gab. Mein Vater spielte Tuba im lokalen Bläserkorps, und ich war begeistert von den schönen Klängen die er aus seinem Instrument hervorzauberte: das wollte ich auch!

Papa lehrte mich die Tuba blasen und Noten lesen: ‘do, re, mi’ und ‘fa, so, la’. Als ich gut genug war, um dem Musikverein beizutreten, gab es plötzlich ein Problem: Ich war ein Mädchen, und nach einem ungeschriebenen Gesetz waren weibliche Mitglieder im Verein nicht zugelassen – obwohl er sich doch mit dem Namen ‘Sub Matris Tutela’ (Unter Mutters Schutz) schmückte .

Als ich später Musikwissenschaft studierte, sprachen die Professoren von Leoninus und Perotinus, von Bach und Händel, von Mozart und Beethoven, von Stravinsky und Bartók. Wenn ich danach fragte, ob es unter den Komponisten keine Frauen gäbe, lächelten sie mitleidig und betonten, an der Uni beschäftige man sich nur mit seriösen Sachen. Auch in den Konzerten, die ich besuchte, hörte ich fast ausschließlich Musik von Männern – nur in der Neue Musik-Szene gab es ab und zu Werke von Ustwolskaja und Gubaidulina, von Saariaho und Chin.

Nach meinem Studium bekam ich einen Job bei Radio 4, dem holländischen Sender für klassische Musik. Ich produzierte viele Themenprogramme, u.a. eine Reihe über Komponistinnen. – Alsbald nannte man mich ‘Die van de vrouwen’ (‘Die von den Frauen’).

Dachte ich anfangs man vernachlässige die Komponistinnen einfach aus Versehen, so wurde mir im Laufe der Zeit klar, dass es gegenüber dem Schaffen von Frauen tief gewurzelten Vorurteile gibt. Wenn ein junger Komponist ein mieses Stück schreibt, heißt es, er sei noch jung und könne sich weiter entwickeln. Eine junge Komponistin hingegen bekommt selten eine zweite Chance.

Wie unausrottbar diese Vorurteile sind, wurde mir peinlich bewusst, als ich mich für eine Aufführung der Oper The Wreckers von Ethel Smyth einsetzte. Jeder, dem ich die Oper vorspielte, war begeistert von der schönen und kraftvollen Musik, aber alle meinten, Smyth hätte sich zu stark von Brittens Peter Grimes beeinflussen lassen.

Als ich darauf hinwies, dass Britten noch gar nicht geboren war als Smyth ihr Werk 1906 komponierte, verstummten meine Gesprächspartner erstaunt. – Die Oper aber wurde nicht aufgeführt. Obwohl man oftmals eine wiedergefundene, aber zweitrangige Komposition eines Mannes ankündigt als ‘Entdeckung des Jahrhunderts’.

Auch während des jährlichen Festivals niederländischer Musik wurden kaum Kompositionen von Frauen aufgeführt, weshalb ich diese Veranstaltung immer als die ‘Niederländischen Männertage’ bezeichnet habe. Geholfen hat es wenig, aber mangels Erfolg werden diese ‘Männertage’ seit 2010 nicht mehr veranstaltet.

Sogar der nach der Komponistin Henriette Bosmans benannte Wettbewerb für junge Talente wurde bisher noch nie von einer Frau gewonnen. Nachdem ich dies in einer Kolumne bemängelt hatte, wurden wenigstens einige Frauen in die Jury aufgenommen. Aber erst als später auch ein Publikumspreis eingeführt wurde, gewann endlich mal eine Komponistin: Claudia Rumondor. Glücklicherweise scheinen die Zuhörer weniger Vorbehalte zu haben als die Profis!

Es stimmt traurig, dass man auch im 21en Jahrhundert noch für die Musik von Komponistinnen kämpfen muss. Sogar weibliche Veranstalter programmieren sehr selten Werke von Frauen, und das, obwohl ich sie seit Jahren regelrecht ‘bombardiere’ mit Tipps und Aufnahmen. Zuweilen geschieht dann doch etwas, und so gibt es einige wenige Lichtblicke.

Hatte es das Festival Alte Musik Utrecht 2009 noch versäumt, auch nur ein einziges Stück von Fanny Mendelssohn zu präsentieren im Rahmen eines Konzertes das dem Umfeld Felix Mendelssohn gewidmet war, so bringt das Festival im Jahr 2010 nach meinen Protesten Musik von Elisabeth Jacquet de la Guerre zu Gehör.

Außerdem widmet die wöchentliche Konzertreihe ‘Vrijdag van Vredenburg’ von Radio 4 in der Saison 2010-11 gleich vier russischen Komponistinnen eine Reihe: Victoria Borisova-Ollas, Elena Kats-Chernin, Lera Auerbach und Sofia Gubaidulina. Neben einem Stück der jeweiligen Komponistin finden sich auch Werke von Komponisten.

Kleine Erfolge, welche ‘Die von den Frauen’ auch weiter zu erkämpfen erhofft.

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